Gesundheit: Omikron: Mildere Infektionen machen noch kein harmloses Coronavirus

Impfschutz vor Omikron: Angezählt, aber längst nicht k. o.

  Impfschutz vor Omikron: Angezählt, aber längst nicht k. o. Erste Labordaten bestätigen, was viele befürchteten: Die neue Corona-Variante Omikron kann schützenden Antikörpern ausweichen. Doch es hätte noch schlimmer kommen können. © Henrik Sorensen/​Getty Images Omikron könnte dem Impfschutz durch Antikörper einen ziemlichen Schlag versetzen. Doch das heißt nicht, dass wir der Variante hilflos ausgeliefert sind.

Zahlen aus Südafrika deuten an, dass Omikron weniger schwere Infektionen verursachen könnte. Stimmt das wirklich? Für Deutschland wäre das ohnehin keine Entwarnung.

Viele Omikron-Infizierte in Südafrika erwischt das Virus nicht so schwer wie befürchtet. Ob das auch in Deutschland eintritt, ist offen. © Emmanuel Croset/​AFP/​Getty Images Viele Omikron-Infizierte in Südafrika erwischt das Virus nicht so schwer wie befürchtet. Ob das auch in Deutschland eintritt, ist offen.

Seit Omikron Ende November in Südafrika entdeckt wurde, hält sich eine Erzählung hartnäckig: Die neue Coronavirus-Variante könne sich zwar besonders gut verbreiten, sei aber nicht so schlimm. Denn die Variante würde weniger schwere Krankheitsverläufe hervorrufen als bisherige Sars-CoV-2-Stämme. Die Kombination aus höherer Ansteckbarkeit und weniger schweren Verläufen – so wird die Erzählung bisweilen auf die Spitze getrieben – sei genau das, was Deutschland und Europa jetzt bräuchten. Das Virus werde nun durch die Bevölkerung gehen und fast alle anstecken, dabei werde sich eine solide Immunität bilden, aber es werde kaum Todesfälle geben.

Omikron-Variante: Britische Studien bestätigen offenbar mildere Verläufe bei Erkrankungen

  Omikron-Variante: Britische Studien bestätigen offenbar mildere Verläufe bei Erkrankungen Zwei Untersuchungen aus Großbritannien legen minderschwere Erkrankungen bei Omikron-Infektionen nahe. Die Zahl der Krankenhausaufenthalte sank im Vergleich zu Delta teils drastisch. Eine Entwarnung ist das aber nicht. © TOBY MELVILLE / REUTERS Weltweit wird die rasante Verbreitung der Omikron-Variante des Coronavirus mit größter Sorge beobachtet. In zahlreichen Ländern – darunter die USA – hat die Mutante bereits die bisher vorherrschende Delta-Variante verdrängt. Unklar war bisher allerdings, wie die Krankheitsverläufe bei der neuen Variante ausfallen.

Diese Erzählung ist gefährlich. Zum einen, weil mit dieser Deutung erste Berichte aus Südafrika missverstanden werden, die eine solche Interpretation kaum zulassen. Und zum anderen, weil, selbst wenn Omikron weniger krank machen würde, auf Deutschland eine große Welle an Erkrankungen und Todesfällen zurollt. Die Sorgen unter Fachleuten sind groß. 

Aber warum genau? Vier Gründe dafür, dass es keinen Grund zur Entwarnung gibt.

1. Für eindeutige Aussagen ist es zu früh

Zunächst einmal die Frage: Woher kommt der Eindruck, Omikron sei harmloser? Mediziner aus Südafrika hatten in den ersten Wochen nach Entdeckung der Virusvariante über mildere Infektionsverläufe berichtet. Der US-Immunologe Anthony Fauci hatte daraufhin die ersten Erkenntnisse über Omikron in den Medien als "ermutigend" bezeichnet. Doch eine Sache wurde in den Medienberichten nicht immer deutlich: Es meinte damit vor allem Hinweise darauf, dass Omikron-Infektionen zumindest nicht schwerer verlaufen als bisherige Covid-19-Erkrankungen.

Gesundheitsminister Lauterbach warnt vor Omikron-Welle: »In sehr, sehr in Sorge um die Ungeimpften«

  Gesundheitsminister Lauterbach warnt vor Omikron-Welle: »In sehr, sehr in Sorge um die Ungeimpften« Omikron verbreitet sich rasend schnell – aber der Zug für Ungeimpfte sei nicht abgefahren, sagt Gesundheitsminister Lauterbach. Schon eine erste Impfung senke die Risiken einer Infektion deutlich. © Kay Nietfeld / dpa Das RKI meldet derzeit wieder einen langsamen Anstieg der Neuinfektionen, aber die Experten sind sich weitgehend einig, dass sich das Infektionsgeschehen dramatisch verändern kann, wenn sich die ansteckendere Omikron-Variante des Coronavirus durchsetzt. Derzeit verdoppelt sich Zahl der Infektionen mit der Mutante etwa alle vier Tage.

Jetzt gibt es erste Daten von einem der größten Krankenversicherer in Südafrika, die den Eindruck verstärken könnten: Das Unternehmen Discovery berichtete, dass für Erwachsene das Risiko, mit einer Corona-Infektion im Krankenhaus behandelt werden zu müssen, in der jetzigen Omikron-Welle geringer ausfällt als bei früheren Infektionswellen. Während die Kurve der Fallzahlen steiler anstieg als in früheren Wellen, stieg die Zahl der Krankenhauseinweisungen weniger stark. Es gebe, hieß es bei einer Online-Vorstellung der Ergebnisse, eine Art Entkopplung.

Die Krankenkasse beobachtete zudem, dass Menschen, die in der aktuellen Welle, die von Omikron geprägt ist, ins Krankenhaus mussten, seltener auf die Intensivstation kamen, seltener Sauerstoff brauchten und oft schon nach wenigen Tagen entlassen wurden. Insgesamt mussten erwachsene Infizierte um knapp 30 Prozent seltener ins Krankenhaus als in der ersten Welle. In der Analyse sind Risikofaktoren wie das Alter und Schutzfaktoren wie eine vorangegangene Infektion oder eine Impfung berücksichtigt. 

Verliert Corona durch Omikron an Schrecken?

  Verliert Corona durch Omikron an Schrecken? Wird die Pandemie dank Omikron „endemisch“? Wie hoch ist die Ansteckung, wie schwer der Verlauf? Experten geben Auskunft.Hoffnungsträger: Auch wenn erst wenige Studien zu Omikron vorliegen und die Lage in Deutschland nur bedingt mit der in anderen Ländern vergleichbar ist, mehren sich die Stimmen, die mittelfristig von etwas Entspannung durch Omikron ausgehen. Die Idee dahinter: Durch Omikron könnte – das ist aber bislang nur eine Hypothese – eine endemische Situation näher rücken. Die hohe Übertragbarkeit könnte dazu führen, dass die Bevölkerung als Ganzes vergleichsweise schnell eine höhere Immunität erreicht.

Auch bei Kindern waren die Daten auffällig. Zwar zeigten sie zunächst, dass das Risiko einer Krankenhauseinweisung im Vergleich zu früheren Wellen um 20 Prozent höher lag. Dieser Trend sei aber rückläufig, hieß es. Zudem seien viele der Corona-Diagnosen bei Kindern Zufallsdiagnosen. Viele Kinder seien also nicht wegen Corona eingeliefert worden, sondern hätten ihre Diagnose bei einem Routine-Test bekommen.

Was insgesamt nach guten Nachrichten klingt, ist allerdings mit großer Vorsicht zu genießen. Gegenwärtig weiß niemand, wie sehr Omikron Menschen, die sich infizieren, gefährdet. Wirklich stichhaltige Studien gebe es noch nicht, sagt die Virologin Isabella Eckerle von der Universität Genf im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Denn es sei schwierig, verschiedene Varianten in ihrer Wirkung zu vergleichen. "Man braucht für solche Studien wirklich sehr gute Vergleichsgruppen. Jede Welle, in der andere Varianten dominierten, hatte ihre eigenen Charakteristika: Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit abweichenden Krankheitsrisiken haben sich infiziert – dann wurde geimpft." Es kommen viele Faktoren zusammen, die die Wirkung von Varianten in der Bevölkerung beeinflussen. Um das zu vergleichen, brauche es viele Wochen der genauen Beobachtung. Einige Unsicherheiten werden immer bleiben und Omikron wurde erst Ende November entdeckt.

Coronavirus - die Woche: Ist Omikron Corona-Light? Der Corona-Wochenüberblick

  Coronavirus - die Woche: Ist Omikron Corona-Light? Der Corona-Wochenüberblick Wo ist die Omikron-Abwehr? Schulchaos Reloaded. Und aktuelle Entwicklungen aus der Forschung: unser Corona-Wochenüberblick. © Timo Lenzen/ DER SPIEGEL Liebe Leserin, liebe Leser,es ist schon bemerkenswert. Einerseits bestätigt sich, was Wissenschaftler schon vor Wochen prognostiziert haben: Die Omikron-Welle ist vielmehr eine Wand, das zeigen die Infektionszahlen aus den von der neuen Welle besonders betroffenen Ländern wie beispielsweise England oder den USA.

Die Daten des Versicherers reichen für eine klare Einschätzung der Lage also nicht wirklich aus. Zunächst, betont Michael Head, Experte für Infektionsepidemiologie von der Uni Southampton gegenüber dem britischen Science Media Centre, müsse man sich klarmachen, dass sich die Daten nur auf einen Zeitraum von drei Wochen beziehen. Man solle vermeiden, sagt Head, "gegenwärtig zu viel aus einzelnen nationalen Szenarien zu schließen". Außerdem wurden die Daten noch nicht von Fachleuten begutachtet und formal veröffentlicht – eine wichtige Qualitätskontrolle fehlt damit noch.

2. Deutschland ist nicht Südafrika

Überhaupt ist die Gemengelage in Südafrika eine ganz andere als die in Deutschland und Europa. Einen großen Unterschied gibt es in puncto Immunität: Südafrika hat bereits drei heftige Infektionswellen erlebt. Weite Teile der Bevölkerung dürften sich also schon mit Sars-CoV-2 angesteckt haben. In manchen Teilen Südafrikas seien bis zu 80 Prozent der Menschen schon mit dem Virus in Berührung gekommen, sagte die Vorsitzende des medizinischen Forschungsrats Südafrikas Glenda Gray bei der Vorstellung der Versicherungsdaten aus Südafrika. Manche Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass eigentlich jeder Südafrikaner bereits eine Infektion durchgemacht haben müsste.

So gefährlich ist die Corona-Variante Omikron wirklich - Omikron

  So gefährlich ist die Corona-Variante Omikron wirklich - Omikron Das ist anders bei der Corona-Mutation Omikron: Die wichtigsten Symptome und größten Gefahren. Plus: So schützt du dich vor einem schweren Verlauf © Marian Weyo / Shutterstock.com Die Ansteckungen mit der Omikron-Variante des Corona-Virus steigen rasant an. Das südafrikanische Gesundheitsministerium berichtete am 24.11.2021 erstmals über die Corona-Variante Omikron (B.1.1.529), seitdem verbreitet sie sich rasend schnell über den ganzen Globus. In UK wurde sie bereits im Dezember zur dominanten Variante, viele Länder folgten. Auch in Deutschland wird sie bald diesen Status erreicht haben.

Anhand der vorhandenen Daten kann man eine Länderspezifische Infektionssterblichkeit für Südafrika errechnen und darauf aufbauend schätzen, wie viele Menschen sterben würden, wenn sich alle Bewohner infizierten. Gleicht man diese Schätzung mit der real beobachteten Übersterblichkeit des Landes im Zeitraum der Corona-Pandemie (fast 250.000 Menschen) ab, wie es der Epidemiologe Christian Althaus von der Uni Bern gemacht hat, zeigt sich: Die Zahlen decken sich weitgehend. Das könnte darauf hindeuten, dass tatsächlich nahezu die ganze Bevölkerung schon infiziert war. 

Dass viele Südafrikanerinnen sich noch dazu mit einer Variante infiziert haben, die hierzulande nie zirkulierte, nämlich mit der Immunflucht-Variante Beta, mache die Situation noch unübersichtlicher, sagt die Virologin Eckerle.

Zu dieser Immunität durch Infektion kommen noch Millionen von Impfungen. Um die 40 Prozent der Menschen in Südafrika sind nach Angaben der Regierung geimpft. Viele Südafrikaner dürften dabei zuerst infiziert gewesen sein und dann eine Impfung erhalten haben. Diese sogenannte hybride Immunität gilt als besonders robust.

Im Gegensatz dazu besteht in Deutschland eine viel größere Immunitätslücke. Rund 80 Prozent der Erwachsenen (und 87 Prozent der über 60-Jährigen) sind hierzulande geimpft. Wie viele sich darüber hinaus mit Corona angesteckt haben, ist nicht ganz klar, ihre Zahl dürfte aber unter zehn Prozent liegen (siehe zum Beispiel MedRxiv: Gornyk et al., 2021). Selbst bei den vulnerablen Gruppen gibt es in Deutschland also viele Millionen, die nicht geimpft sind und mit dem Coronavirus noch nie in Kontakt gekommen sind und deshalb als besonders gefährdet gelten müssen.

Coronavirus: Kann Deutschland Endemie? Der Corona-Wochenüberblick

  Coronavirus: Kann Deutschland Endemie? Der Corona-Wochenüberblick Die Omikron-Wand ist da. Die Hoffnung auf einen baldigen Übergang in die Endemie wächst, doch der muss auch mental gelingen. Und aktuelle Entwicklungen aus der Forschung: unser Corona-Wochenüberblick. © Timo Lenzen/ DER SPIEGEL Liebe Leserin, lieber Leser,in gewissen Teilen der Gesellschaft hat die Coronapandemie offenkundig ihren Schrecken verloren. Trotz Rekordinzidenzen sitzen Menschen mit dem Status 2G plus entspannt in Restaurants. In den Omikron-Hotspots im Norden gehören Positivmeldungen in Schule und Kita bei Kindern wie Betreuungskräften neuerdings zum Alltag.

Auch die südafrikanische Medizinerin Glenda Gray hat das betont. Sie wäre sehr vorsichtig damit, das Virus weniger virulent zu nennen, sagte sie, also zu behaupten, es sei von Natur aus weniger gefährlich. Die momentan weniger schweren Verläufe in Südafrika gingen wohl darauf zurück, dass weite Teile der Bevölkerung über eine Impfung oder eine Infektion dem Virus bereits einmal ausgesetzt gewesen seien und nicht darauf, dass das Virus harmloser geworden sei. 

Tatsächlich stützen zwei Beobachtungen diese These. Erstens scheint – anders als in vorangegangenen Wellen – ein großer Teil der Fälle in der Omikron-Welle Zweit- oder gar Drittinfektionen zu sein (MedRxiv: Pulliam et al., 2021). Und zweitens hieß es bei der Vorstellung der Discovery-Ergebnisse, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen zwar geringer und die Verläufe milder zu sein scheinen, es aber einen großen Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften gäbe: Letztere müssten deutlich häufiger ins Krankenhaus als Geimpfte.

Aber nicht nur in puncto Immunität unterscheiden sich Südafrika und Deutschland stark voneinander. Auch hat Deutschland eine völlig andere Demographie. In Südafrika ist nur knapp jede zehnte Person 60 Jahre oder älter, in Deutschland sind es fast drei von zehn. Weil das Risiko, an Covid-19 schwer zu erkranken oder gar zu versterben, stark altersabhängig ist (European Journal of Epidemiology: Levin et al., 2020), muss in Deutschland auch bei Omikron von höheren Hospitalisierungsraten und mehr Todesfällen ausgegangen werden.  

Deutlich aufschlussreicher als die vorläufigen Daten aus Südafrika dürften daher Daten aus Großbritannien und Dänemark werden, die beide bereits Tausende Omikron-Fälle verzeichnet haben. Die einzigen gegenwärtigen Daten zur Hospitalisierung kommen von der dänischen Behörde für öffentliche Gesundheit, dem Statens Serum Institut. In einem Bericht des Instituts vom Dienstag zeigt sich, dass bei niedriger Fallzahl ähnlich viele Menschen mit Omikron ins Krankenhaus müssen wie mit anderen Varianten – und das, obwohl sich deutlich mehr junge Menschen mit Omikron infiziert hatten. In den kommenden Wochen dürften derartige Analysen besser werden. Erst dann wird sich abschätzen lassen, ob Omikron-Fälle im Schnitt wirklich weniger schwer verlaufen.

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  Angst vor der Omikron-Welle +++ Inzidenz über 800! +++ Wie gefährlich ist die Virus-Variante wirklich? +++ Virologin: Das Risiko, sich zu infizieren, war nie größer Eine immense Omikron-Welle rollt durch Deutschland, längst ist die Virusvariante vorherrschend. Was sicher scheint: Omikron verbreitet sich zwar besonders schnell, schwere Verläufe sind aber seltener. Im Podcast „Coronavirus-Update“ des NDR fasst Virologin Sandra Ciesek zusammen: Nie sei das Risiko, sich zu infizieren, größer gewesen - zugleich sei das Risiko für eine schwere Erkrankung, wenn man geimpft oder geboostert sei, niedrig wie nie. Wie Omikron das individuelle Risiko bei einer Infektion verändert – und warum Experten weiter zu Vorsicht mahnen.

3. Mildere Infektionen sind auch ein Problem – wenn es zu viele sind

Bleibt noch eine große Frage: Wie viel hätte ein Land wie Deutschland tatsächlich davon, wenn Omikron im Schnitt mildere Verläufe hervorriefe?

"Das zentrale Problem besteht ja schon ohne Omikron. Das sind die Ungeimpften", sagt die Virologin Eckerle. Genauer gesagt Menschen, deren Immunsystem naiv für das Virus ist – also bei einer Infektion völlig unvorbereitet auf das Virus trifft. Die Pandemie kann erst dann enden, wenn sie diesen Status verloren haben – wenn Nicht-Immune entweder mit dem Virus Kontakt hatten oder geimpft sind. Und das könnte mit Omikron schneller gehen, als ein Land und dessen Gesundheitssystem aushalten kann oder sollte.

Außerdem deuten Labordaten darauf hin, dass zwar ein großer Teil der Genesenen und Geimpften immer noch substanziell gegen schwere Covid-19-Erkrankungen geschützt ist. Diesen Eindruck stützen die Daten aus Südafrika: Der Versicherten-Erhebung zufolge schützt eine Impfung zu etwa 70 Prozent vor einer schweren Infektion, die im Krankenhaus behandelt werden muss. Die aktuell erhältlichen Impfungen bleiben also sinnvoll. Allerdings könnten in einer Omikron-Welle auch mehr Doppelt-Geimpfte schwer krank werden. Die Boosterimpfung wird damit noch wichtiger, die den Teil des Immunsystems robust stimuliert, der Infizierte vor schwerer Krankheit schützen kann.

In Südafrika zeigte sich aber auch: Die Impfungen schützen nur noch zu etwa 30 Prozent gegen die Infektion selbst. Das Virus kann den Antikörpern – dem ersten Verteidigungstrupp des Immunsystems – besser entschlüpfen und damit Geimpfte und Genesene leichter infizieren. Das bedeutet, dass auf einen Schlag weite Teile der Bevölkerung wieder für eine Infektion anfällig sind. Deshalb und weil Omikron nach Alpha und Delta möglicherweise ein weiteres Mal leichter übertragbar geworden ist, kann sich die Variante effektiver einen Weg durch Bevölkerungen bahnen.

Damit steigt das Risiko, dass sich sehr viele Ungeimpfte und Menschen, die trotz Impfung noch ein erhöhtes Krankheitsrisiko haben, zugleich infizieren. Ein Teil von ihnen muss dann im Krankenhaus behandelt werden – je mehr, desto schwieriger wird es für Krankenhäuser, alle Patientinnen und Patienten ausreichend zu versorgen.

"Die erhöhte Übertragbarkeit von Omikron könnte jeden Verlust seiner krankmachenden Wirkung leicht zunichte machen", sagte der Mikrobiologe Simon Clarke von der University of Reading gegenüber dem britischen Science Media Centre. Die Begründung lieferte der Modellierer Sebastian Funk kürzlich im Gespräch mit ZEIT ONLINE: Eine Infektionswelle sei "selbst dann problematisch, wenn sie anteilsmäßig etwas weniger schwerwiegende Erkrankungen verursacht". Infizierten sich doppelt so viele Menschen wie sich durch Delta infiziert hätten – was bei einem exponentiellen Wachstum binnen weniger Tage passiert – wäre die Zahl der schweren Verläufe auch bei einer 30-prozentigen Abnahme der Schwere eineinhalb mal so hoch. "Die Abschwächung der schwerwiegenden Fälle ist linear, das Wachstum ist dagegen exponentiell, und das Exponentielle überholt das Lineare." Damit könnte sich Omikron auf Gesellschaften und Gesundheitssysteme trotz Impfungen weitaus schwerwiegender auswirken als frühere Krankheitswellen.

4. Hohe Fallzahlen bringen neue Probleme

Und ein letzter Punkt könnte die Situation in Deutschland noch verschärfen: Durchbruchsinfektionen und Ausfälle bei medizinischem Personal. "Selbst wenn die Infektionen nur so krank machen, dass man vielleicht ein paar Tage zu Hause bleiben muss, werden sie auf die Gesamtsituation einen großen Effekt haben", sagt die Virologin Eckerle. Bei hohen Infektionszahlen würde sich damit die Krankenversorgung in Kliniken noch weiter verschlechtern. Einen ähnlichen Effekt könnte es für die gesamte Gesellschaft geben: Wenn innerhalb kurzer Zeit viele Menschen so krank werden, dass sie zumindest für einige Tage nicht arbeiten können, wird das schwere wirtschaftliche Folgen haben. Im schlimmsten Falle könnten bei einer massiven Welle ganze Gesellschaftsbereiche ihren Dienst einstellen. 

Es bleibt festzuhalten: Hinweise darauf, dass Omikron schwerwiegendere Infektionen auslöst als frühere Varianten, gibt es nicht. Ob das Gegenteil der Fall ist – das Virus also mildere Infektionen auslöst – lässt sich derzeit ebenfalls kaum feststellen. Klar ist hingegen: Für jeden einzelnen dürfte mit Omikron das Infektionsrisiko weiter steigen. Und selbst wenn die neue Variante ein vergleichsweise harmloses Virus wäre, eine Entwarnung für Deutschland wäre das noch längst nicht.

Angst vor der Omikron-Welle +++ Inzidenz über 800! +++ Wie gefährlich ist die Virus-Variante wirklich? +++ Virologin: Das Risiko, sich zu infizieren, war nie größer .
Eine immense Omikron-Welle rollt durch Deutschland, längst ist die Virusvariante vorherrschend. Was sicher scheint: Omikron verbreitet sich zwar besonders schnell, schwere Verläufe sind aber seltener. Im Podcast „Coronavirus-Update“ des NDR fasst Virologin Sandra Ciesek zusammen: Nie sei das Risiko, sich zu infizieren, größer gewesen - zugleich sei das Risiko für eine schwere Erkrankung, wenn man geimpft oder geboostert sei, niedrig wie nie. Wie Omikron das individuelle Risiko bei einer Infektion verändert – und warum Experten weiter zu Vorsicht mahnen.

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