Finanzen: Meinung: Deutschlands schleichender Abschwung

Ende der Traumreise für DFB-Frauen - «Es tut weh»

  Ende der Traumreise für DFB-Frauen - «Es tut weh» Was für ein Spektakel im Fußball-Tempel Wembley. England und Deutschland liefern sich vor der EM-Rekordkulisse ein großes Duell - mit einem Happy End für die Gastgeberinnen.Nach einem großen Kampf und viel Werbung für den Frauenfußball endete die Traumreise der deutschen Mannschaft mit einem bitteren K.o. in der Verlängerung. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg musste nach dem 1:2 (1:1, 0:0) nach Verlängerung gegen das Gastgeber-Team aus England im Kreis auf dem Rasen viel Aufbauarbeit leisten. Der Traum vom EM-Triumph war so nah, auch ohne die verletzte Kapitänin und Torjägerin Alexandra Popp.

Deutschland kommt aus dem Krisenmodus gar nicht mehr heraus. Corona, Ukraine-Krieg, Gasknappheit - eine Krise löst die nächste ab. Das wirft auch die stärkste Volkswirtschaft aus der Bahn, meint Henrik Böhme.

Provided by Deutsche Welle © picture-alliance/dpa/R. Goldmann Provided by Deutsche Welle

Ein wirtschaftlicher Abschwung, der kommt ja nicht übers Wochenende. Das schleicht sich an, ganz langsam. Man kann die Vorboten erkennen, wenn man ein bisschen genauer auf die Zahlen schaut, die tagein, tagaus bekannt werden. Mal ist es die Industrieproduktion, mal der Auftragseingang, mal die Umsätze beim Einzelhandel. Letztere, so wurde dieser Tage vermeldet, sind im Juni (inflationsbereinigt) um knapp neun Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat eingebrochen. Das hat es, so beeilten sich die Bundes-Statistiker in Wiesbaden mitzuteilen, noch nie gegeben in den vergangenen 28 Jahren. Das klingt dramatisch - und das ist es auch.

„An Schwelle zur Rezession“: Ifo-Index fällt auf Zweijahrestief

  „An Schwelle zur Rezession“: Ifo-Index fällt auf Zweijahrestief Steigende Energiepreise und drohende Gasknappheit, anhaltende Lieferprobleme, hohe Inflation: Auf der deutschen Wirtschaft lasten derzeit viele Entwicklungen. © Foto: Fabian Sommer/dpa Auf der deutschen Wirtschaft lasten gegenwärtig mehrere Entwicklungen, die das Verbraucherverhalten beeinflussen. Deutschland steuert auf wirtschaftlich schwere Zeiten zu. Dies zeigt das Ifo-Geschäftsklima, Deutschlands wichtigster konjunktureller Frühindikator. Im Juli verschlechterte sich die Stimmung in deutschen Unternehmen deutlich.

Zum einen für den Einzelhandel selbst, der bereits in den vergangenen zwei Jahren massiv unter der Corona-Pandemie gelitten hat. Und zum anderen zeigt das: Die Leute halten ihr Geld zusammen - angesichts der vielen Unsicherheiten, die da täglich durch die Nachrichten wabern wie Ukraine-Krieg, Inflation und neuerdings die Angst vor einer Eskalation in der Taiwan-Frage. Nicht nur der russische Bär, der sich gerade in der Ukraine austobt, auch der chinesische Drache ist gerade furchtbar schlecht gelaunt. Nicht gut, das alles.

Inflation wird weiter zulegen

Und noch weiß ja keiner so genau, was wirklich auf ihn zukommt, wie sich das alles im täglichen Leben niederschlagen wird. Alles wird teurer - nie hat das so gestimmt wie derzeit. Und auch wenn die Inflation in Deutschland derzeit stagniert oder sogar ein ganz kleines bisschen zurückgeht: Das ist nur eine Momentaufnahme und ein verfälschtes Bild durch zwei befristete Maßnahmen. Einerseits das Neun-Euro-Ticket für den Nahverkehr und zweitens durch den sogenannten Tankrabatt. Beides hört zum Ende des Monats auf - und dann wird es nicht mehr lange dauern, bis die Inflationsrate zweistellig ist.

Weißes Haus betont die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Verbraucherausgaben vor dem wichtigsten Wirtschaftsbericht

 Weißes Haus betont die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Verbraucherausgaben vor dem wichtigsten Wirtschaftsbericht Die Biden -Verwaltung stützt sich auf ein starkes Beschäftigungswachstum und gesunde Verbraucherausgaben, bevor ein mit Spannung erwarteter Wirtschaftsbericht diese Woche signalisiert wird, wie eng die USA an einer Rezession sind. © bereitgestellt von den Befürchtungen von Hill Rezession droht vor der Veröffentlichung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) am Donnerstag, wie stark die Wirtschaft von April bis Juni gewachsen ist.

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion © Provided by Deutsche Welle Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Hinzu kommt: Die Wohnungsvermieter verschicken erst im kommenden Jahr die Abrechnungen für Strom und Heizung, die sich schon jetzt heftig verteuert haben. Und das Ende der Preisanstiege ist noch nicht erreicht. Es gibt ein paar grobe Schätzungen, um wieviel mehr die Menschen zur Kasse gebeten werden, um weiter eine warme Wohnung, warmes Wasser und genügend Strom zu haben. Das Dreifache, das Vierfache? Viel wird es sein, auf jeden Fall. Das macht die Menschen vorsichtig beim Geldausgeben, größere Anschaffungen werden aufgeschoben, und im Supermarkt - wo man zu Corona-Zeiten schon mal zu den teureren Dingen gegriffen hat - rücken jetzt wieder die preiswerten Produkte ins Blickfeld.

Die gefährliche Lohn-Preis-Spirale

Das alles ruft freilich auch die Gewerkschaften auf den Plan: Die fordern in den anstehenden Verhandlungsrunden mindestens einen Inflationsausgleich - und entsprechend üppig sind die Forderungen. Für die Hamburger Hafenarbeiter beispielsweise liegt ein Angebot von plus 12,5 Prozent auf dem Tisch - der Gewerkschaft Verdi ist das noch zu wenig. Bei der Lufthansa gab es soeben einen Abschluss für das Bodenpersonal mit Lohnsteigerungen von bis zu 19 (!) Prozent. Damit droht aber die Gefahr einer sogenannten Lohn-Preis-Spirale - ein prima Brandbeschleuniger für die Rezession, weil zu hohe Lohnabschlüsse wiederum Preiserhöhungen nach sich ziehen werden.

Alphabet-Aktie mit Gewinnen: Google-Mutter wächst - Gewinn geht zurück

  Alphabet-Aktie mit Gewinnen: Google-Mutter wächst - Gewinn geht zurück Die Google-Mutter Alphabet hat ihre Bücher für das abgelaufene Geschäftsquartal geöffnet. © Bereitgestellt von Finanzen.net YASUYOSHI CHIBA/AFP/Getty Images Auch Google bekommt den Abschwung im Online-Werbemarkt zu spüren: Das Geschäft wuchs im vergangenen Quartal langsamer und der Gewinn des Mutterkonzerns Alphabet ging deutlich zurück. Zugleich demonstrierte der Online-Riese, dass er gut aufgestellt ist, um besser als kleinere Konkurrenten durch die Marktschwäche zu kommen.

Streik im Hamburger Hafen © Christian Charisius/dpa/picture alliance Streik im Hamburger Hafen

Es braut sich da also etwas sehr düsteres zusammen. Im Mittelstand - dem Rückgrat der deutschen Wirtschaft - ist die Stimmung mies. Ein entsprechender Indikator der staatlichen KfW-Bank ist dramatisch abgestürzt. Die Erwartungen seien, so die Bank, so schlecht "wie sonst nur vor großen Rezessionen". Andere malen angesichts der dramatisch hohen Energiepreise das Gespenst einer großen Entlassungswelle an die Wand. Fünf Millionen Jobs sieht beispielsweise der Chef der Industrie- und Handelskammer München in Gefahr. Ein tatsächlich denkbares Szenario.

Wird Deutschland also, wie schon mal Ende der 1990er-Jahre, wieder zum "kranken Mann Europas"? Und was würde es für Europa bedeuten, wenn die Wirtschaftslokomotive Deutschland eine Vollbremsung hinlegen würde? Wohl nichts Gutes. Daher muss Europa solidarisch den Energie-Erpressungsversuchen des Kreml widerstehen. Denn gelingt es Putin, Europa zu spalten und dessen Volkswirtschaften entscheidend zu schwächen, hätte er eines seiner Ziele erreicht. Das muss Europa um jeden Preis verhindern. Mit europäischer Solidarität und schlauen Entscheidungen der jeweiligen Regierungen, die den Menschen wirklich helfen, über die Runden zu kommen. Tipps und Appelle zum Energiesparen werden da nicht ausreichen.

Autor: Henrik Böhme

Fresenius und Dialysetochter FMC senken Ziele .
Der Gesundheits- und Klinikkonzern leidet schon länger unter den Folgen der Pandemie. Die schlechten Nachrichten reißen nicht ab. Nun hakt es in Nordamerika.Dazu kämen steigende Löhne und Materialkosten sowie Störungen in der Lieferkette, teilten die beiden Dax-Konzerne mit. Auch die mittelfristigen Ziele seien nicht mehr zu halten.

Siehe auch