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Finanzen: Bilanzskandal: Ein Jahr nach dem Untergang: So sieht der Scherbenhaufen von Wirecard aus

Wirecard: "Scholz tatenlos, Merkel naiv"

  Wirecard: Auf 678 Seiten ziehen die Oppositionsparteien ein erstes Fazit der Arbeit des Wirecard-Untersuchungsausschusses. Den Aufsichtsbehörden und Finanzminister Olaf Scholz werfen sie Versagen vor. Aus Berlin Sabine Kinkartz. © picture-alliance/dpa/K. Nietfeld Provided by Deutsche Welle Es war ein schwarzer Montag für Olaf Scholz. Bis zur Bundestagswahl im September, bei der der Bundesfinanzminister für die SPD als Kanzlerkandidat antritt, sind es nur noch vier Monate.

Heute vor einem Jahr flog der Milliardenbetrug bei Wirecard auf. Was wurde aus den Mitarbeitern, wie steht es um die geprellten Gläubiger, und welche Köpfe rollten bei Prüfern und Aufsehern? Eine Bestandsaufnahme.

Santander übernimmt rund 500 Mitarbeiter des Zahlungsdienstleisters. © dpa Santander übernimmt rund 500 Mitarbeiter des Zahlungsdienstleisters.

Den großen Wirecard-Schriftzug auf der Firmenzentrale in Aschheim hat Insolvenzverwalter Michael Jaffé abmontieren lassen. Das Logo, das zum Symbol des Milliardenskandals wurde, ist inzwischen eingelagert. Das Haus der Bayerischen Geschichte hat offenbar schon großes Interesse angemeldet, wie auch an weiterem symbolträchtigen Wirecard-Inventar. Zumindest in dieser Hinsicht ist der Zahlungsabwickler, mit dem einer der größten Betrugsskandale der deutschen Wirtschaftsgeschichte verbunden ist, bereits ein Fall für die Geschichtsbücher.

Wirecard-Skandal: Justiz kämpft mit der Aufarbeitung

  Wirecard-Skandal: Justiz kämpft mit der Aufarbeitung Vor einem Jahr meldete der Dax-Konzern Wirecard Insolvenz an - eine Starfirma wurde zum mutmaßlich größten Betrugsfall in Deutschland seit 1945. Die erste Anklage rückt näher. Und die Justiz ächzt unter der Welle von Zivilklagen.Einen konkreten Termin nennen die Ermittler nicht, doch wird seit Wochen über eine Anklage in der zweiten Jahreshälfte spekuliert. Alle Aspekte des Tatkomplexes Wirecard zu ermitteln, wäre «eher eine Frage von Jahren als von Monaten», erklärte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Freitag. So lange dürfe man in einem Rechtsstaat niemanden in vorläufiger Untersuchungshaft behalten.

Um exakt 10:43 Uhr gab Wirecard am 18. Juni 2020 per Ad-hoc-Mitteilung bekannt, dass es Zweifel an der Existenz von 1,9 Milliarden Euro gebe, einem Viertel der Bilanzsumme. Es lägen Hinweise auf „unrichtige Saldenbestätigungen zu Täuschungszwecken“ vor. Der Abschlussprüfer EY habe Wirecard darüber informiert. Damit war klar: Wirecard erhält kein Testat.

Die Nachricht leitete den rasanten Untergang des Unternehmens ein, für das es in seiner rund 20-jährigen Geschichte meist nur aufwärtsgegangen war. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs im Jahr 2018 wurde der als deutsches Tech-Wunder gefeierte Konzern in den Leitindex Dax aufgenommen.

Am 18. Juni 2020 stürzte der Wirecard-Kurs an der Börse um mehr als 60 Prozent ab, notierte zum Handelsschluss bei 39,90 Euro. Heute ist die Aktie keine 40 Cent mehr wert. Am 25. Juni 2020 stellte Wirecard Insolvenzantrag. Über die Reste des Konzerns wacht nun der Insolvenzverwalter. In seinem Sachstandsbericht vom Mai 2021 hielt er fest, einen Großteil des angeblichen Wirecard-Geschäfts habe es „nach derzeitigem Kenntnisstand nicht gegeben“. 

Wirecard-Aktie: Union sieht politische Verantwortung für Fall Wirecard bei Scholz

  Wirecard-Aktie: Union sieht politische Verantwortung für Fall Wirecard bei Scholz Die Union hat im Wirecard-Skandal schwere Vorwürfe an die Adresse von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) gerichtet und eine Entschuldigung für Versäumnisse eingefordert. "Die politische Verantwortung trägt Bundesfinanzminister Olaf Scholz", sagte der Unions-Obmann in dem Ausschuss, Matthias Hauer (CDU), bei der Vorstellung des Abschlussberichtes des Ausschusses. Darin werde ein "kollektives Aufsichtsversagen" festgestellt, sagte er. "Der Fall Wirecard ist ein Kriminalfall", hob Hauer hervor.

Das Handelsblatt macht zum Jahrestag der Pleite eine Bestandsaufnahme:

1. Welche Unternehmensteile wurden verkauft?

Bereits im August 2020 verkaufte Insolvenzverwalter Jaffé die brasilianische Wirecard-Tochter und Teile der britischen. Im September folgten die Österreich-Tochter für knapp vier Millionen Euro sowie jene in Rumänien.

Den größten finanziellen Erfolg mit 300 Millionen Euro brachte der Verkauf des Nordamerika-Geschäfts. Die Einheit wurde besonders unabhängig von der Aschheimer Zentrale geführt und war daher nicht von der Krise betroffen. Schwieriger gestaltete sich die Veräußerung des europäischen Kerngeschäfts: Erst im November erfolgte der Verkauf an die spanische Großbank Santander für rund 100 Millionen Euro.

Seit Dezember, als die südafrikanische Tochter über den Tresen ging, verkaufte Insolvenzverwalter Jaffé fünf Tochterfirmen in der Türkei, Malaysia, Thailand und Hongkong sowie auf den Philippinen. Auch der Indonesien- und Australien-Ableger wurde veräußert.

Wirecard-Abschlussbericht lässt Schuldfrage offen

  Wirecard-Abschlussbericht lässt Schuldfrage offen Monatelang hat ein Bundestags-Ausschuss im Milliardenbetrugsfall Wirecard ermittelt. Er stieß auf eklatantes Versagen der Aufsichtsbehörden. Die politische Verantwortung dafür will aber niemand übernehmen. © Kay Nietfeld/picture alliance/dpa Provided by Deutsche Welle Am Ende wollte keiner dem anderen die Deutungshoheit überlassen. Nicht jetzt, drei Monate vor der Bundestagswahl. Vier getrennte Pressekonferenzen setzten die neun Mitglieder des Wirecard-Untersuchungsausschusses zum Abschluss ihrer parlamentarischen Ermittlungsarbeit an.

2. Was wurde aus den Mitarbeitern?

Der Zahlungsdienstleister beschäftigte einst weltweit 5800 Mitarbeiter. Etwa 1800 Arbeitsplätze werden voraussichtlich erhalten bleiben, wie Jaffé angekündigt hat. Den größten Teil sicherte demnach mit etwa 500 Arbeitsplätzen der Verkauf des Kerngeschäfts an die spanische Großbank Santander, die allein in Deutschland zunächst 400 Angestellte übernahm. Jaffé zeigte sich damals erleichtert, sprach von der „bestmöglichen Lösung“ für die Mitarbeiter – trotz „schwierigster Rahmenbedingungen“.

Doch unter den Betroffenen herrschte zwischenzeitlich Ernüchterung. Mitarbeiter klagten, dass Santander sie „in der Luft hängen“ lasse. Die Spanier würden sie nicht über ihre langfristigen Pläne informieren und zeigten kaum Präsenz in Aschheim. Selbst das Büromaterial sei noch von Wirecard. Auch von der Gewerkschaft Verdi gab es Kritik. Die Situation für die Beschäftigten sei „extrem schwierig“, die Führungskultur „höchst problematisch“ – auch weil Schlüsselpositionen mit dem alten Management besetzt seien.

Bilanz zum Wirecard-Ausschuss: Wahlkampfgetöse oder echte Empörung?

  Bilanz zum Wirecard-Ausschuss: Wahlkampfgetöse oder echte Empörung? Ein Vierteljahr vor der Bundestagswahl ziehen die Abgeordneten im Wirecard-Untersuchungsausschuss Bilanz - oder vielmehr: mehrere Bilanzen. CDU, CSU und SPD tragen den Abschlussbericht mit, daneben gibt es ein gemeinsames Sondervotum der Oppositionsparteien FDP, Linke und Grüne und ein eigenes der AfD.Gemeinsam ist allen die Entrüstung über die mutmaßlichen Betrügereien des Zahlungsdienstleisters in Milliardenhöhe und die peinliche Frage, wie das Unternehmen damit jahrelang durchkam.

Santander versicherte, dass die Integration auf einem guten Wege sei. Heute kommen neue Töne aus Aschheim: Die Spanier haben sich die Kritik offenbar zumindest zum Teil zu Herzen genommen. In den vergangenen Wochen gab es mehrere konstruktive Gespräche mit den Mitarbeitern, die Firmenkultur habe sich verbessert, berichten Insider. Entscheidend wird die Frage sein, wen Santander 2021 als neuen Standortleiter benennt.

3. Wie steht es um die geprellten Anleger?

Für viele Wirecard-Aktionäre war die Pleite des Zahlungsdienstleisters nicht nur ein finanzieller Verlust, sondern auch eine persönliche Tragödie. Viele Kleinsparer hatten große Summen in die Aktie investiert, teilweise sogar die gesamten Ersparnisse. Nun hoffen sie, zumindest einen Teil davon wiederzubekommen.

Die letzten verfügbaren Zahlen über den Stand des Insolvenzverfahrens stammen vom Mai 2021. Zu dem Zeitpunkt wurden mehr als 12.700 Gläubiger, darunter knapp 12.000 Aktionäre, erfasst, die Forderungen in Höhe von rund 14,3 Milliarden Euro angemeldet haben. Weitere Forderungen von rund 28.000 Aktionären sind noch nicht erfasst.

Eine der entscheidenden Fragen wird sein, wie mit den Ansprüchen umgegangen wird. Anlegeranwalt Klaus Nieding hält die Schadensersatzansprüche für gerechtfertigt, weil Aktionäre vom Kapitalmarkt mit Falschinformationen versorgt wurden. Dagegen hält sich Jaffé bedeckt. „Die konkrete Frage nach der insolvenzrechtlichen Einordnung von kapitalmarktrechtlichen Schadensersatzansprüchen von Aktionären einer Aktiengesellschaft ist höchstrichterlich noch nicht entschieden“, heißt es im jüngsten Sachstandsbericht.

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  +++ Corona-Update +++: Delta-Variante: RKI erwartet Wiederanstieg der Inzidenzen +++ Corona-Update +++: Delta-Variante: RKI erwartet Wiederanstieg der InzidenzenSamstag, 26.

Auch unter Gutachtern ist umstritten, ob die Schadensersatzansprüche der Aktionäre als Insolvenzforderungen einzustufen sind oder ob sie erst nach der Befriedigung sämtlicher Forderungen der anderen Gläubiger, auch der nachrangigen, berücksichtigt werden können. Auf jeden Fall werden Gläubiger und Aktionäre Geduld aufbringen müssen. Jaffé rechnet mit einer Verfahrensdauer von mehreren Jahren.

4. Wie steht es um die einstigen Kreditgeber?

Nicht nur Kleinanleger haben bei Wirecard viel Geld verloren, sondern auch zahlreiche Großbanken. 3,2 Milliarden Euro hatte sich Wirecard bei diversen Kreditgebern geliehen, davon 1,6 Milliarden Euro bei einem Konsortium aus 15 Banken. Zu den größten Kreditgebern gehörten die Commerzbank, die LBBW und die niederländischen Großbanken ING und ABN Amro.

Die meisten Banken haben ihre Kredite um rund 90 Prozent abgeschrieben. Einige halten sie weiter auf ihren Büchern und müssen nun warten, wie viel Geld sie aus der Insolvenzmasse zurückbekommen. Andere Institute haben ihre Papiere am Sekundärmarkt weiterverkauft – mit sehr großen Abschlägen. Die nach eigenen Angaben größte Gläubigerin ist inzwischen die irische Gesellschaft Trinity Investments, die Forderungen über 770 Millionen Euro aufgekauft hat, auch aus den beiden Anleihen Wirecards.


Video: Urteil wegen Kontogebühren: Banken erwarten viele Rückforderungen (glomex)

Mehrere Gläubigerbanken taumelten wegen der hohen Verluste in die roten Zahlen, darunter die Commerzbank und die ABN Amro. Einige Institute erwägen nun Klagen gegen die Wirecard-Wirtschaftsprüfer von EY, darunter die Staatsbank KfW und der Vermögensverwalter DWS. Die Commerzbank hat die Frankfurter Dependance der britisch-australischen Großkanzlei Ashurst bereits damit beauftragt, eine Klage vorzubereiten.

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5. Welchen Stand haben die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen?

Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt unter anderem wegen bandenmäßigen Betrugs, Untreue und Marktmanipulation. Seit Juni 2020 wurden fast 400 Beschuldigten- und Zeugenvernehmungen durchgeführt. Den langjährigen Vorstandschef Markus Braun, den ehemaligen Chefbuchhalter und Vizefinanzvorstand E. sowie den früheren Dubai-Statthalter B. wollen die Ermittler bis Jahresende 2021 anklagen. Alle drei sitzen seit Juli 2020 in Untersuchungshaft.

Während Braun und E. die Vorwürfe bestreiten, steht B. als Kronzeuge zur Verfügung. Er berichtete, wie unzählige Daten im Konzern gefälscht wurden, um Wirtschaftsprüfer zu täuschen – und belastete das Management an der Konzernspitze massiv. Als einer der wichtigsten Köpfe hinter dem Betrug gilt Ex-Asienvorstand Jan Marsalek. Er ist seit Juni 2020 auf der Flucht und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Marsalek wird in Russland vermutet.

Als Beschuldigte führen die Staatsanwälte auch drei weitere Ex-Vorstände: die Produktvorständin Susanne Steidl, den langjährigen Finanzvorstand Burkhard Ley und dessen Nachfolger Alexander von Knoop. Ley saß zwischenzeitlich für drei Monate in Untersuchungshaft, ist seit November 2020 aber gegen Auflagen wieder auf freiem Fuß. Auch er weist alle Vorwürfe zurück.

Insgesamt ermittelt die Staatsanwaltschaft intensiv gegen rund 30 Personen, insbesondere Ex-Manager des Konzerns, aber auch zwei Wirtschaftsprüfer. Der Kreis derer, die die Ermittler formell als Beschuldigte führen, ist indes noch größer.

6. Was hat der Untersuchungsausschuss ans Licht gebracht?

Der Untersuchungsausschuss sollte vor allem aufklären, welche Versäumnisse es bei staatlichen Behörden wie der Finanzaufsicht und bei der Bundesregierung gab. Die Abgeordneten absolvierten ein Mammutprogramm. Seit Oktober tagten sie in 32 Sitzungen, hörten 102 Zeugen und sammelten einen Datenbestand von 1,14 Terabyte. Linken-Finanzexperte Fabio De Masi kommentierte zum Abschluss: „Aus jeder Schublade, die wir aufzogen, kam Dreck.“

Streit um Zuständigkeit für Wirecard-Klagen entschieden

  Streit um Zuständigkeit für Wirecard-Klagen entschieden Welches Gericht ist zuständig bei Schadenersatzklagen von Aktionären im Zusammenhang mit der Wirecard- Pleite? Diese Frage ist nun mit einer Grundsatzentscheidung geklärt worden.Damit muss sich das Landgericht München nun auch mit den Klagen um den Insolvenz-Skandal beschäftigen, die sich nur gegen den in Stuttgart ansässigen Wirtschaftsprüfer EY richten. Das teilte das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart am Dienstag mit. (Az.: 12 AR 6/21 bis 12 AR 17/21).

Die Parlamentarier legten etwa offen, wie die gegenseitige Kommunikation zwischen Bafin und Staatsanwaltschaft versagte, als es um vermeintliche Angriffe von Investoren auf Wirecard ging. Als direkte Folge des Untersuchungsausschusses musste der Leiter der Abschlussprüferaufsicht Apas, Ralf Brose, abdanken. Er erklärte den erstaunten Abgeordneten, privat mit Wirecard-Aktien gezockt zu haben, als seine Behörde den Fall bereits untersuchte. Bald darauf war er sein Amt los.

Am Ende des Ausschusses waren sich die Abgeordneten in der Auswertung der Fakten ungewöhnlich einig. Der Wirecard-Skandal sei „kein Naturereignis“ gewesen, resümierte FDP-Finanzpolitiker Florian Toncar etwa, „er war abwendbar“. Der Tatsachenbericht wurde mit den Stimmen aller Fraktionen beschlossen.

Doch im politischen Bewertungsteil zeigten sich die Parteilinien: Die Opposition aus Grünen, FDP und Linken schoss sich auf die amtierenden Minister Olaf Scholz (SPD) und Peter Altmaier (CDU) ein, die für die Finanzaufsicht Bafin und die Abschlussprüferaufsicht Apas zuständig waren. Die Parlamentarier von Union und SPD spielten die Verantwortung ihrer Ressortchefs herunter. Die Oppositionsparteien werden ihr Fazit nun in einem Sondervotum zusammenfassen Weder Minister noch Staatssekretäre mussten wegen des Skandals zurücktreten.

7. Welche Konsequenzen gab es bei der Finanzaufsicht?

Eine besonders unrühmliche Rolle im Fall Wirecard spielte die deutsche Finanzaufsicht Bafin. Am 18. Februar 2019 verhängte sie das erste Mal in ihrer Geschichte ein Leerverkaufsverbot für die Aktie eines bestimmten Unternehmens. Damit war es amtlich verboten, auf fallende Wirecard-Aktienkurse zu wetten. Der Shortseller-Bann durch die Bafin stützte Wirecard massiv. Die Aufseher verschafften dem Konzern damals neues Vertrauen am Kapitalmarkt, als bereits erste Stimmen von Kritikern laut wurden, bei den Geschäften gehe es nicht mit rechten Dingen zu. Der Kurs stieg.

Seit dem Untergang wurden neue brisante Details zutage gefördert: So erfolgte das Verbot gegen die Empfehlung der Bundesbank. Außerdem stellte sich heraus, dass Bafin-Mitarbeiter in den letzten 18 Monaten vor dem Untergang massiv mit Wirecard-Aktien gehandelt hatten. Dabei gehörten ausgerechnet Mitarbeiter der für die Marktüberwachung zuständigen Abteilung WA2 zu den besonders aktiven Spekulanten. Die Bafin trennte sich schließlich von einem Mitarbeiter und schaltete die Staatsanwaltschaft ein.

Auch an der Behördenspitze gab es personelle Konsequenzen: Bafin-Exekutivdirektorin Elisabeth Roegele, die das Leerverkaufsverbot maßgeblich vorangetrieben hatte, musste ihren Job quittieren, ebenso Bafin-Chef Felix Hufeld. Das Ruder übernimmt nun Mark Branson, der von der Schweizer Finanzaufsicht Finma kommt. Er soll die mit neuem Personal und zusätzlichen Kompetenzen ausgestattete Behörde grundlegend reformieren.

8. Welche Konsequenzen gibt es für die Prüfer?

Der Wirecard-Abschlussprüfer EY ist in den vergangenen zwölf Monaten immer stärker unter Druck geraten. Zum Zeitpunkt der Pleite im Juni 2020 überwog öffentlich noch der Eindruck, EY sei einem ausgeklügelten Betrug des Wirecard-Managements ausgeliefert gewesen, den man mit den üblichen Methoden der Abschlussprüfung nicht hätte aufdecken können.

Doch vor allem die Arbeit des parlamentarischen Untersuchungsausschusses hat zahlreiche Fragen und Ungereimtheiten bei der Prüfungsarbeit von EY aufgedeckt. Besonders belastend sind die Berichte des Sonderermittlers Martin Wambach von der Prüfungsgesellschaft Rödl AMPERSANDamp; Partner: Darin werden mögliche Verstöße von EY gegen Berichtspflichten und Prüfungsnormen aufgelistet.

Für die Klagen von Aktionären gegen EY dürfte dies weiteres Futter sein. Sie werden es aber schwer haben, ihre Ansprüche vor Gericht durchzusetzen. In ersten Prozessen konnten sie die Richter nicht überzeugen, dass die EY-Prüfer mindestens bedingt vorsätzlich falsch testiert hätten.

Strafrechtlich ermittelt wird mindestens gegen zwei EY-Mitarbeiter, formell eingetragen in der Beschuldigtenliste der Staatsanwaltschaft München sind zwölf. Zudem hat die Prüferaufsichtsbehörde Apas ein Verfahren gegen EY eingeleitet.

Nicht nur der Imageschaden für EY ist riesig. Mehrere Kunden in der Abschlussprüfung haben der Gesellschaft Aufträge entzogen. Der Verlust der Mandate der Commerzbank, des Vermögensverwalters DWS, der Staatsbank KfW und der Deutsche Telekom kostet EY ein geplantes Honorar von fast 40 Millionen Euro. Auf der Kippe steht auch das Mandat der Deutschen Bank.

Nicht nur EY, sondern alle Prüfungsgesellschaften trifft die durch den Wirecard-Skandal ausgelöste schärfere Regulierung der Branche. Unternehmen müssen nun schneller ihren Abschlussprüfer wechseln, und die Prüfer sind einer schärferen Haftung ausgesetzt und dürfen den Mandanten keine gleichzeitige Steuerberatung mehr anbieten. All das soll der Abschreckung dienen und die Prüfungsqualität erhöhen.

Mehr: „Es ist ein Wahnsinn...“: Die letzten 48 Stunden von Wirecard

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Welches Gericht ist zuständig bei Schadenersatzklagen von Aktionären im Zusammenhang mit der Wirecard- Pleite? Diese Frage ist nun mit einer Grundsatzentscheidung geklärt worden.Damit muss sich das Landgericht München nun auch mit den Klagen um den Insolvenz-Skandal beschäftigen, die sich nur gegen den in Stuttgart ansässigen Wirtschaftsprüfer EY richten. Das teilte das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart am Dienstag mit. (Az.: 12 AR 6/21 bis 12 AR 17/21).

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