Welt & Politik: Warum kann Deutschland nicht aus der Atomenergie aussteigen?

Putin und Orban: "Russland kann Ungarn erpressen"

  Putin und Orban: Der russische Krieg gegen die Ukraine hat an der Nähe von Ungarns Premier zum Regime Putins nichts geändert. Was treibt Orban dazu? Fragen an den ungarischen Politologen Andras Racz. © Mikhail Klimentyev/Russian President Press Office/dpa/picture alliance Ungarns Premier Viktor Orban (r.) am 1.02.2022 beim russischen Präsidenten Wladimir Putin in Moskau Kein Regierungschef eines EU-Landes hat im vergangenen Jahrzehnt ein so enges Verhältnis zu Russland und zu seinem Präsidenten Wladimir Putin aufgebaut wie Ungarns Premier Viktor Orban. Seit seinem Amtsantritt 2010 traf Orban Putin fast jedes Jahr persönlich.

Der Krieg in der Ukraine hat Deutschlands Energiestrategie grundlegend verändert. Der Ausstieg aus der Kernkraft ist um einige Monate verschoben. Doch was passiert, wenn die Energiekrise länger dauert als erwartet?

Die verbliebenen drei Atomkraftwerke decken rund sechs Prozent des deutschen Strombedarfs © Rupert Oberhäuser/picture alliance Die verbliebenen drei Atomkraftwerke decken rund sechs Prozent des deutschen Strombedarfs

Die Dampfsäule ist schon von weitem zu sehen, aber den Atomreaktor zu finden, ist gar nicht so einfach. Das Kernkraftwerk Emsland liegt versteckt zwischen Bäumen und einer Chemiefabrik etwa zehn Kilometer südlich der niedersächsischen Kleinstadt Lingen.

Neue Parteigründung - „Bündnis Deutschland“ - Konkurrenz für Union und FDP?

  Neue Parteigründung - „Bündnis Deutschland“ - Konkurrenz für Union und FDP? Die neue Partei „Bündnis Deutschland“ soll am heutigen Sonntag gegründet werden. Die Partei mit einigen ehemaligen AfD-Mitgliedern will vor allem der CDU und FDP Konkurrenz machen. © Michael Kappeler/dpa Blick in den Plenarsaal im Deutschen Bundestag. Michael Kappeler/dpa Eine neue Parteigründung steht bevor: Am heutigen Sonntag will die Partei „Bündnis Deutschland“ in Fulda zu ihrer Gründungsversammlung zusammentreten. Die neue Partei siedelt sich im bürgerlich-konservativen Spektrum an und könnte so der CDU und FDP zur Konkurrenz werden. Doch auch zur AfD soll es einige Verbindungen geben.

"Ehrlich gesagt, vergisst man, dass es da ist", sagt Christine, eine 44-Jährige, die in der Gegend aufgewachsen ist, gegenüber der DW. "Und man vertraut und hofft, dass alles gut wird."

Der Emsland-Reaktor ist eines der letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland. Alle drei sollten in der Silvesternacht dieses Jahres für immer abgeschaltet werden, ihre Abschaltung den Atomausstieg in Deutschland vollenden. Doch dann überfiel Russland die Ukraine.

"Eigentlich halte ich mich für einen Atomkraftgegner", sagt Christine. "Aber ich muss zugeben, dass man die Situation jetzt ein bisschen anders sieht."

Zeitenwende in Deutschlands Energiestrategie

Bis vor kurzem war Russland ein wichtiger Energiepartner Deutschlands, der dem Land einen Großteil des benötigten Erdöls und Erdgases lieferte. Doch der Krieg in der Ukraine hat diese Partnerschaft zerstört und dazu geführt, dass sich Deutschland in den Wintermonaten nach alternativen Lieferquellen umsehen muss - und die Energiepreise in die Höhe schießen.

Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

  Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage Die Ukraine wird immer wieder von russischen Raketenangriffen erschüttert. Zudem gibt es schwere Kämpfe im Osten des Landes. Die Lage am AKW Saporischschja bereitet Sorgen. Die Entwicklungen im Überblick.Allein am vergangenen Dienstag habe Russland knapp 100 Raketen auf die Ukraine abgefeuert. «Hundert verschiedene Raketen gegen unsere Städte, gegen Wohngebäude, gegen Unternehmen, gegen Kraftwerke», sagte Selenskyj in einer Videobotschaft an die internationale Organisation der Frankophonie - ein Zusammenschluss französischsprachiger Staaten, deren Vertreter sich im tunesischen Djerba trafen.

Jetzt überdenkt das Land seine Strategie für den Ausstieg aus der Atomenergie. Heute produzieren die drei bestehenden Kernreaktoren in Deutschland etwa sechs Prozent des Stroms. Im Oktober ordnete Bundeskanzler Olaf Scholz an, die drei verbleibenden Kernkraftwerke des Landes bis Mitte April 2023 weiterlaufen zu lassen.

Ein Fehler, glaubt der Atomkraft Gegner Alexander Vent aus Lingen, der ehrenamtlich für das Bündnis AgIEL tätig ist, dass die sofortige Stilllegung aller deutschen AKW fordert. "Es reden alle ständig über Laufzeitverlängerung, aber wir sollten viel mehr über den Ausbau der erneuerbaren Energie reden," so Vent. Das Risiko bei der Kernkraft sei einfach zu groß, außerdem sei er schockiert, dass trotz zahlreicher Sanktionen gegen Russland, Europa nach wie vor russisches Uran importiere und Lingen mit seiner Brennelementefabrik Teil dieses Komplexes sei.

Sie werben um frustrierte Konservative: Was will die neue Partei „Bündnis Deutschland“?

  Sie werben um frustrierte Konservative: Was will die neue Partei „Bündnis Deutschland“? Enttäuschte ehemalige Mitglieder von CDU, FDP, Freien Wählern und AfD haben sich zu einer neuen Partei zusammengefunden. Die Gründer sehen eine Lücke im politischen Spektrum. © Foto: Bernd von Jutrczenka Bündnis Deutschland. Steffen Große hat eine Odyssee durch die Parteienlandschaft hinter sich. 2006 ist er aus der CDU ausgetreten, aus Ärger über die Mehrwertsteuererhöhung und die Ökosteuer, weil er sich als einfaches Mitglied „veräppelt gefühlt“ habe. Später arbeitete er im Bundesvorstand der „Freien Wähler“ mit, war Vorsitzender einer Kleinstpartei namens „Bürgerallianz Deutschland“.

Einige Experten schätzen die Abhängigkeit der EU von Russland bei der Atomenergie größer ein als bei Erdgas, denn rund 40 Prozent des angereicherten Urans stammt laut der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) weltweit aus Russland und dem kremltreuen Kasachstan.

Grünes EU-Label für die Kernkraft

Anders als Deutschland will die EU längerfristig an der Kernenergie festhalten. Ab 2023 soll sie als klimafreundlich eingestuft werden, was weitere Investitionen ermöglichen würde.

Ein richtiger Schritt glaubt der Lingener Elektriker Franz-Josef Thiering, der jahrelang in der Nuklearindustrie gearbeitet hat. Schließlich sei Atomkraft eine zuverlässige und relativ emissionsarme Energie. Während des Interviews mit der DW zieht er ein in Glas gefasstes, künstliches Uranplättchen von der Größe eines kleinen Fingernagels hervor. "Zwei solche Plättchen können einen durchschnittlichen Haushalt in Deutschland ein Jahr lang mit Strom versorgen", so Thiering. "Das fasziniert mich", sagt er. "Das ist Physik."

Wachsender Energiebedarf in Deutschland

Es sei töricht, die Bedeutung des von den deutschen Kernkraftwerken erzeugten Stroms zu vernachlässigen, wenn das Land versucht, den Übergang zu grüner Energie zu schaffen, sagt Thiering.

Iran: Teheran droht mit Krieg

  Iran: Teheran droht mit Krieg Das Mullah-Regime bekommt die landesweiten Straßenproteste nicht in den Griff. Nun will die Regierung mit einem militärischen Angriff auf die kurdischen Städte zumindest das Gebiet an der irakischen Grenze wieder kontrollieren. © Baderkhan Ahmad/AP Syrische Kurden nehmen am Montag an einer Gedenkfeier teil, die für Opfer der türkischen Luftschläge abgehalten wird. Teheran droht mit KriegDas iranische Regime hat militärische Einheiten in mehrheitlich von Kurden bewohnte Städte im Nordwesten von Iran verlegt und seinen Soldaten dort offenbar einen Schießbefehl erteilt.

"Wir werden in Zukunft mehr Strom brauchen. Das ist eine Tatsache", sagt er und verweist dabei auf die steigende Nachfrage nach Elektroautos und Wärmepumpen. "Und sechs Prozent können viel sein, wenn es nichts Neues [als Ersatz] gibt. Wir würden sechs Prozent verlieren, obwohl wir eigentlich mehr brauchen."

Viele Deutsche scheinen dem zuzustimmen. Während die Mehrheit der Bevölkerung nach der Katastrophe von Fukushima den Atomausstieg befürwortete, sprachen sich im August dieses Jahres laut einer ARD-Umfrage über 80 Prozent für eine Verlängerung der Laufzeiten der bestehenden deutschen Atomreaktoren aus.

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Angst vor dem GAU

Doch die Angst vor einer nuklearen Katastrophe und die ungelöste Frage, was mit dem radioaktiven Atommüll geschehen soll, ruft die Kritiker einer Laufzeitverlängerung auf den Plan. Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft an der Hertie School of Governance in Berlin, verweist auf Deutschlands Nachbarland Frankreich, das in hohem Maße von der Atomenergie abhängig ist.

"Die Hälfte der neuen Kernkraftwerke [in Frankreich] sind vom Netz, und zwar weil sie Sicherheitsprobleme haben", so Kemfert gegenüber der DW. „[...] In Deutschland haben wir das gleiche Problem. Die Sicherheitsinspektionen sind seit über 15 Jahren nicht mehr durchgeführt worden. Und wir müssen sie dringend nachholen, um zu sehen, ob wir das gleiche Problem wie in Frankreich haben."

Sie weist auch darauf hin, dass die Kernenergie ein schlechter Ersatz für Erdgas ist, das auch zum Heizen und nicht nur zur Stromerzeugung verwendet werden kann.

Weniger CO2-Emissionen mit Kernkraft

Dennoch halten viele die Kernenergie für besser als einen Rückfall in die Kohleverbrennung, eine weitere Strategie, zu der Deutschland in der Energiekrise gegriffen hat. Nach Angaben der niederländischen Anti-Atom-Gruppe WISE verursachen Kernkraftwerke 117 Gramm CO2-Emissionen pro Kilowattstunde, während die Verbrennung von Braunkohle mehr als 1000 Gramm CO2-Emissionen pro Kilowattstunde verursacht.

Trotz der veränderten Umstände glaubt Thiering nicht, dass diese vorübergehende Verlängerung zu einer echten Renaissance der Kernenergie in Deutschland führen wird. "Ich glaube, wir reden hier wirklich nur über eine kurze Zeit", sagt er. "Nur zur Überbrückung."

Der Text wurde aus dem Englischen adaptiert.

Autor: Kristie Pladson, Neil King

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