Welt & Politik: Bürgerkrieg und Terror: Luftbrücke geht zu Ende – USA warnen vor Terrorattacke „in den nächsten 24-36 Stunden“

„Die Soldaten müssen ihre schrecklichen Erfahrungen loswerden“

  „Die Soldaten müssen ihre schrecklichen Erfahrungen loswerden“ Berlin. Die Bundeswehr steckt in Kabul bei der Rettung von Ortskräften in einem brandgefährlichen Einsatz. Eva Högl ist als Wehrbeauftragte so etwas wie die Anwältin der Soldaten. Im Interview fordert sie die Anschaffung bewaffneter Drohnen zum Schutz der Truppe und wirft der Linkspartei vor der Bundestagsabstimmung „indiskutables Verhalten“ vor. © Torsten Kraatz Alle Augen sind derzeit auf die Bundeswehr-Luftbrücke in Kabul gerichtet. Frau Högl, in Afghanistan sind in fast zwei Jahrzehnten 59 Bundeswehrsoldaten gestorben, jetzt ist das Land wieder an die Taliban gefallen.

Die letzten US-Soldaten verlassen Kabul, die USA fürchten neue Anschläge. Doch die Folgen des Abzugs aus Afghanistan könnten Hunderttausende Menschen zur Flucht treiben.

Di e Marineinfanteristin Nicole  Gee (l.), die hier noch ein auf dem Flughafen Kabul schützend ein afghanisches Baby im Arm hält, ist bei dem Selbstmordanschlag getötet worden. © dpa Di e Marineinfanteristin Nicole  Gee (l.), die hier noch ein auf dem Flughafen Kabul schützend ein afghanisches Baby im Arm hält, ist bei dem Selbstmordanschlag getötet worden.

Als Joe Biden im Frühjahr den Abzug aus Afghanistan ankündigte, versprach der US-Präsident das „Ende von 20 Jahren Blutvergießen“. Nie wieder, so Biden, wolle er Angehörigen sein Beileid aussprechen müssen, weil wieder ein US-Soldat oder eine Soldatin ums Leben gekommen sei. Doch in diesen Tagen, am Ende von zwei Wochen im Ausnahmezustand, wird der Präsident erneut mit Familien am Telefon trauern.

Merkel: Luftbrücke endet "in einigen Tagen"

  Merkel: Luftbrücke endet Rückwirkend billigt der Bundestag die Evakuierungsaktion der Bundeswehr aus Afghanistan. Die Kanzlerin gesteht ein: Deutschland und seine Verbündeten haben die Lage falsch eingeschätzt. © Sgt. Samuel Ruiz/U.S. Marine Corps/AP Photo/picture alliance Familien am Flughafen von Kabul - doch die Luftbrücke endet Um 12 Uhr 15 an diesem Mittwoch in Berlin geht Angela Merkel wohl zum letzten Mal ans Rednerpult des Deutschen Bundestages, um eine Regierungserklärung abzugeben. Sie muss dabei von einem Scheitern berichten. Vom Scheitern Deutschlands und der westlichen Staaten in Afghanistan.

13 amerikanische Soldaten waren am Donnerstag beim Anschlag auf den Kabuler Flughafen getötet worden, die meisten von ihnen junge Männer und Frauen Anfang 20. Dazu starben mehr als 170 Afghanen, die sich in der Hoffnung auf Evakuierung am Airport in Kabul versammelt hatten, als sich ein Selbstmordattentäter beim Sicherheitscheck in die Luft sprengte.

Am Wochenende verübte Washington einen Luftschlag gegen den afghanischen Zweig des Islamischen Staat (IS-K). Die Terrorgruppe reklamiert für sich, die Attacken in Kabul ausgeführt zu haben.

Dennoch gelten neue Anschläge als wahrscheinlich: In der Nacht zum Sonntag gab die US-Vertretung in Kabul eine akute Sicherheitswarnung wegen einer „konkreten Bedrohung“ heraus. Alle Amerikaner in der Nähe des Flughafens sollten das Gelände „sofort verlassen“, hieß es darin.

Lage in Afghanistan: Westliche Staaten warnen vor Terrorgefahr am Flughafen Kabul

  Lage in Afghanistan: Westliche Staaten warnen vor Terrorgefahr am Flughafen Kabul Die Länder fordern die Menschen vor Ort auf, den Flughafen zu verlassen.„Wenn Sie sich beim Flughafen aufhalten, entfernen Sie sich zu einem sicheren Ort und warten Sie auf weitere Hinweise“, hieß es auf der Webseite des britischen Außenministeriums am Mittwoch. Das US-Außenministerium forderte die Menschen vor den Flughafentoren auf, das Gebiet „sofort“ zu verlassen. Grund für die Warnung seien nicht näher spezifizierte „Sicherheitsrisiken“.

Zuvor hatte Biden erklärt, seine Kommandeure hätten Hinweise auf eine Terrorattacke „in den nächsten 24-36 Stunden“. Die Lage vor Ort sei „äußerst gefährlich, die Bedrohung durch Terroranschläge bleibt hoch“, sagte der Präsident und kündigte weitere Vergeltungsschläge an.

Der endgültige Rückzug des Westens läutet jetzt eine neue Phase der Unsicherheit und Angst in Afghanistan ein. Während Großbritannien seine letzte Maschine mit Zivilisten aus Kabul gestartet hat, konzentrieren sich die USA auf den finalen Abzug ihrer Truppen. 

Rund 5000 Armeemitglieder hatten bislang den Flughafen in der Hauptstadt Kabul gesichert und die Evakuierungen durchgeführt. Bis Dienstag sollen auch sie das Land verlassen haben, laut des Pentagon werden bereits Teile der militärischen Ausrüstung Richtung Heimat verladen. Dem TV-Sender CNN zufolge werden lediglich „eine kleine Anzahl US-Diplomaten“ vor Ort bleiben, für einzelne Evakuierungen nach dem 31. August. 

Luftbrücke aus Afghanistan: 170 Sitzplätze, 170 Leben

  Luftbrücke aus Afghanistan: 170 Sitzplätze, 170 Leben Bis zuletzt sah es so aus, als würde die private Rettungsaktion aus Kabul, eine Luftbrücke, am Regierungschaos scheitern. In letzter Sekunde ergibt sich eine Wendung. © Andy Spyra für DIE ZEIT und ZEIT ONLINE Die Reporter auf dem Weg nach Kabul Der bereits in die Jahre gekommene Airbus 320, der drei Stunden zuvor in der georgischen Hauptstadt Tiflis gestartet war, sinkt ganz langsam zur Stadt hinab. Die Flugbegleiter, fünf Männer und eine Frau, starren nervös aus den Fenstern. Die Maschine überfliegt den zerrissenen Kamm des Hindukusch, gleitet durch Schichten aus gelben Sandschleiern.

„Traurige Tatsache ist, dass nicht jeder rauskommt“

Zwar gingen die Evakuierungen am Ende zügig voran, seit Mitte August haben die USA und ihre Partner insgesamt 112.000 Menschen ausgeflogen. Doch mehrere hundert US-Staatsbürger sind weiterhin nicht auffindbar – und manche der verbliebenen Amerikaner wollen bewusst in Afghanistan bleiben, erklärte das Pentagon.

Vielen afghanischen Helfern wiederum gelang es nicht, den gefährlichen Weg Richtung Kabul anzutreten. CNN geht mit Berufung auf Flüchtlingsorganisationen davon aus, dass „Tausende afghanische Übersetzer und andere Helfer zurückgelassen werden könnten.“

Das britische Militär hatte in den vergangenen Wochen fast 14.000 Menschen evakuiert, aber „die traurige Tatsache ist, dass nicht jeder einzelne rauskommt“, hieß es aus London. Deutschland hatte seine letzten Soldaten am Donnerstagabend abgezogen. Der Bundesregierung zufolge wurden rund 4500 Afghanen gerettet. Das sind weit weniger als die 10.000 Personen, die als gefährdet eingestuft wurden. 

Nach einem Bericht der „Welt am Sonntag“ sind beim deutschen Evakuierungseinsatz auch nur wenige Ortskräfte ausgeflogen worden. Das Blatt beruft sich auf Zahlen des Bundesinnenministeriums. Demnach befanden sich unter den bis Mitte der Woche Ausgeflogenen nur knapp mehr als 100 Ortskräfte mit ihren Familien. Insgesamt machten sie rund 500 der 4500 Personen aus.

Luftbrücke Kabul: "Man hat eine Riesenchance verpasst"

  Luftbrücke Kabul: Die Evakuierungen aus Kabul sind fast beendet. Im DW-Exklusiv-Interview erhebt Ruben Neugebauer, Mitorganisator der "Luftbrücke Kabul", schwere Vorwürfe gegen die Bundesregierung. © Kai Pfafenbach/REUTERS Afghanische Flüchtlinge landen nach der Evakuierung aus Kabul in Frankfurt (27.08.2021) Update vom 29.8.2021, abends: Dieses DW-Interview spiegelt den Stand von Sonntagnachmittag (29.8.2021) wieder. Nachdem das Gespräch geführt wurde, war es der "Luftbrücke Kabul" jedoch noch gelungen, 189 gefährdete Menschen aus Kabul zum Flughafen zu schleusen.

Die Terrorattacken haben die Verwundbarkeit der USA in Afghanistan entblößt, die nach 20 Jahren Kriegseinsatz die größte Luftbrücke in der Geschichte der Nato koordinierten. Noch immer versuchen Bidens Sicherheitsbeamte die Ereignisse vom Donnerstag zu rekonstruieren.

Bislang weiß man laut US-Medien nur soviel: Der Selbstmordattentäter wartete bis zum letzten Moment, um möglichst viele Opfer mit in den Tod reißen zu können. Am Abbey Gate, einer Hauptschleuse am Kabuler Flughafen, führten US-Soldaten Sicherheitskontrollen durch. Der Bomber sei gezielt auf die Amerikaner zugegangen und zündete beim Abtasten schließlich eine mehr als zehn Kilo schwere Sprengstoffweste.

Die wackelige Anti-Terror-Strategie der USA

Künftige Vergeltungsangriffe der USA könnten laut Experten von Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder von einem U-Boot oder Flugzeugträger im Arabischen Meer aus gestartet werden.


Video: Afghanistan-Luftbrücke vor dem Aus - Letzter Flug am Freitag? (dpa)

Allerdings hält John R. Allen, Präsident von Brookings und früherer ISAF-Befehlshaber die Pläne für höchst riskant. „Es fehlt eine feste regionale Basis, dazu machen potenzielle Überflugbeschränkungen solche Strategien unglaublich herausfordernd, wenn nicht unmöglich“, schrieb er. „Mit ihrem Abzug aus Afghanistan haben die USA fast ihren gesamten Einfluss als Hauptakteur in Zentralasien verloren“.

Ehemaliger MI6-Boss warnen Großbritannien-Terror-Bedrohungsniveau "größeres heutiges" Nach dem Afghanistan-Ausgang

 Ehemaliger MI6-Boss warnen Großbritannien-Terror-Bedrohungsniveau 0 © Reuters Taliban-Truppen Standwache am Flughafen Kabul nach dem Rückzug des Westens von Afghanistan Der ehemalige Spionage-Chef des Vereinigten Königreichs hat die Terror-Bedrohung gewarnt. als es vor dem Rückzug des Westen von Afghanistan war. Sir John Sawers, die fünf Jahre als Chef von MI6 verbrachten, sagten Sky News, es gab ein erhöhtes Risiko für ausländische und heimische Angriffe, da den Fall von Afghanistan nach Taliban Control .

Es droht außerdem eine Spirale der Gewalt, die Biden mit seinem Abzug eigentlich stoppen wollte. Die Gefahr durch den afghanischen Zweig des IS wurde bei vielen Anschlägen in diesem Jahr deutlich, unter anderem auf eine Mädchenschule und eine Entbindungsklinik.

Laut Christopher Harnisch, ehemaliger Vize-Koordinator für Terrorismusbekämpfung im US-Außenministerium, sei die Attacke in Kabul nur ein erster Warnschuss des Islamischen Staats in Afghanistan. „Der Angriff war ein riesiger Propaganda-Sieg“, sagte er dem Sender Fox News. „Der eigentliche Zweck bestand darin, potenzielle neue Kämpfer zu locken. Sie wollen einen Bürgerkrieg gegen die Taliban und andere Gruppen in der Peripherie anzetteln“.

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IS-K entstammt einer Splittergruppe pakistanischer Taliban-Kämpfer, die sich 2015 zusammenschlossen. „Nach dem Rückzug des Westens aus Afghanistan wollen sie ein Vakuum füllen und werden letztendlich versuchen, an die Macht zu kommen“, so Harnisch.

Zahlenmäßig ist IS-K den Taliban weit unterlegen. Doch laut den Vereinten Nationen (UN) strömten allein in den vergangenen Monaten Tausende Dschihadisten aus Zentralasien, dem Nordkaukasus, Pakistan und der chinesischen Region Xinjiang nach Afghanistan.

Evakuierungsflüge brachten auch Kriminelle nach Deutschland

  Evakuierungsflüge brachten auch Kriminelle nach Deutschland Bundesinnenminister Horst Seehofer hat bestätigt, dass über die Luftbrücke aus Kabul auch polizeibekannte Afghanen nach Deutschland gekommen sind. Es seien auch einige "Problemfälle" dabei - und ein Ex-Minister.Eigentlich sollten in den Flugzeugen der Bundeswehr, die den Flughafen von Kabul nach der Machtübernahme der Taliban in Richtung Deutschland verließen, ehemalige Ortskräfte, Journalisten, Menschenrechtler und andere Schutzbedürftige sein. Doch wie das Bundesinnenministerium jetzt bekannt gab, sind auf diesem Weg offenbar auch Personen nach Deutschland gekommen, die von den Behörden als "sicherheitsrelevant" bezeichnet wurden.

Der Terrorexperte Bruce Hoffman von der Denkfabrik Council on Foreign Relations sagte dem Magazin Politico, dass auch Anschläge in den USA drohten. Verbündete zur Terrorabwehr hat Washington jedenfalls nicht mehr vor Ort. Zwar sind die Taliban und der IS verfeindet, das heißt aber nicht, dass die Taliban plötzlich zum verlässlichen Partner der USA werden: Es gibt unzählige Berichte über Taliban, die im ganzen Land Verbündete des Westens aufspüren und foltern oder töten. Im Zuge der Rückeroberung Afghanistans waren mutmaßlich hunderte IS-Anhänger aus den Gefängnissen befreit worden.

Neue Debatte um Flüchtlinge – in den USA und in Europa

Die Terrorattacken lassen an Bidens Strategie zweifeln, die Taliban strategisch in die Evakuierungen mit einzubeziehen – und sie womöglich offiziell anzuerkennen, sobald die Taliban eine Regierung formen.

So waren die Taliban für die Sicherung des Kabuler Flughafens mitverantwortlich, trotzdem konnte der Selbstmordattentäter ungehindert durch mehrere Kontrollpunkte laufen. „Eines ist klar: Wir können den Taliban die Sicherheit der Amerikaner nicht anvertrauen“, warnte der demokratische Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im US-Senat, Bob Menendez.

Biden betonte am Donnerstag, dass „wohl niemand den Taliban vertraut“. Doch in der Realität halten die USA die Kommunikationskanäle offen. Biden bleibt dabei, es sei „richtig gewesen“, mit den Taliban im Sinne der Evakuierungen zu kooperieren. „Es ist in ihrem eigenen Interesse, dass wir das Land verlassen und dass wir so viele unserer Leute wie möglich rausholen“. 

In den USA ist, ebenso wie in Europa, eine Debatte um die Verteilung der afghanischen Flüchtlinge entbrannt. Der linke Flügel der Demokraten im Repräsentantenhaus, angeführt von der Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, forderte von Biden, die Obergrenze für Flüchtlinge – derzeit sind es rund 60.000 pro Jahr – mehr als zu verdreifachen. Ex-Präsident Donald Trump schürte Ängste vor einer neuen Flüchtlingskrise und warnte, Biden hole „Hunderte neue Terroristen“ ins Land.

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Auch die Europäische Union signalisiert Abschottung. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sagte, Europa müsse sich „schützen“. Griechenland hat einen Grenzzaun zur Türkei errichtet, um afghanische Migranten abzuschrecken. Die Türkei, die Millionen syrischer Flüchtlinge beherbergt, hat ihre Grenzen mit Mauern, Gräben und Stacheldraht aufgerüstet. Und das am Afghanistan-Einsatz beteiligte Australien hat eine Kampagne gestartet, in der Afghanen aufgefordert werden, die gefährliche Seereise gar nicht erst anzutreten.

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass viele Afghanen voraussichtlich in Nachbarländer fliehen werden. Nach UN-Angaben lebten Ende 2020 allein in Pakistan bereits 1,4 Millionen afghanische Flüchtlinge. 

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